Ich habe mich nicht nur gefragt, ob WooCommerce Shops barrierefrei sind. Ich habe es gemessen und 2.284 echte Shops Seite für Seite gescannt. Das Ergebnis zeigt: Barrierefreiheit ist in vielen Fällen ein menschengemachtes Problem.

Die Kundschaft, die dein Shop nie zu Gesicht bekommt

Stell dir einen Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche vor, der auf dein Produktbild schaut. Der reduzierte Preis in Rot verschwindet für diese Person fast im grauen Hintergrund. Über 4 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Form dieser Farbsehschwäche. Bei Männern sind es rund 8 %, statistisch also etwa jeder Zwölfte. (PRO RETINA).

Eine andere Kundin oder ein anderer Kunde navigiert mit einem Screenreader durch deinen Shop. Beim Begriff „Warenkorb“ hört die Person vielleicht nur „Button“, weil das Element keinen zugänglichen Namen hat.

Rund 650.000 Menschen in Deutschland sind blind oder hochgradig sehbehindert, schätzt der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). AAmtlich mit Schwerbehindertenausweis erfasst sind laut Statistischem Bundesamt mindestens 118.000 Menschen (Destatis). Die tatsächliche Zahl liegt nach Einschätzung des DBSV deutlich höher, weil längst nicht jeder sehbehinderte Mensch einen entsprechenden Ausweis beantragt.

Und dann ist da die Kundin oder der Kunde mit leicht zitternder Hand, die oder der am Handy einkauft und einen kleinen „In den Warenkorb“-Button nur schwer trifft. In 38 % der WooCommerce Shops wurde mindestens ein Zielbereich gefunden, der die Mindestanforderung von WCAG 2.2 für die Zielgröße nicht erfüllt. Insgesamt leben in Deutschland 7,9 Millionen Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung (Destatis, Stand Ende 2023). Dabei werden nur Menschen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50 und einem gültigen Schwerbehindertenausweis erfasst. Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen (z. B. einem gebrochenen Arm), eingeschränkter Sicht durch grelles Sonnenlicht oder wenig Zeit für eine Interaktion kommen noch dazu.

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) gibt dem Thema seit Juni 2025 einen rechtlichen Rahmen.

Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) für WordPress: Recht, SEO & Agenturchancen (2026)

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ist seit 2025 in Kraft. Wer in der WordPress Bubble jetzt noch darauf wartet, dass das Thema unbemerkt vorüberzieht, riskiert nicht nur rechtlichen Ärger, sondern lässt möglicherweise auch Umsatz auf der Straße liegen. Wir beantworten alle Fragen in unserem Blogpost.

Mich hat aber etwas anderes interessiert: nicht nur, was das Gesetz verlangt, sondern wie die Situation in echten WooCommerce-Shops tatsächlich aussieht. Wie schlimm ist es wirklich?

Wie ich WooCommerce Shops auf Barrierefreiheit gemessen habe

Ich habe 8.713 niederländische Onlineshops automatisiert getestet. 7.514 davon ließen sich zuverlässig als aktive Webshops bestätigen und bei 2.284 Shops ließ sich WooCommerce als verwendete Plattform identifizieren.

Für jeden Shop habe ich mehrere Seitentypen geprüft:

  • Startseite
  • Kategorie
  • Produkt
  • Warenkorb
  • Checkout bzw. Kasse (sofern erreichbar)

Getestet habe ich mit axe-core. Das ist derselbe Open Source Testmotor, den auch Chrome DevTools und viele Accessibility-Plugins nutzen.

Zur Einordnung: Ein automatisierter Scan deckt nur einen Teil dessen ab, was die WCAG-Anforderungen an Barrierefreiheit umfassen. Kriterien wie die vollständige Tastaturbedienbarkeit oder eine sinnvolle Lesereihenfolge für Screenreader lassen sich nicht vollständig automatisiert prüfen. Die Ergebnisse eines automatisierten Scans sind deshalb nicht mit einer vollständigen Barrierefreiheitsprüfung gleichzusetzen. Sie liefern aber reproduzierbare Hinweise auf konkrete technische Probleme. In dieser Untersuchung wurden mehr als zwei Millionen Elemente geprüft.

Ich unterscheide dabei zwischen “schwerwiegend” (serious) und “kritisch” (critical):

  • Schwerwiegend bedeutet: Ein Teil der Nutzer:innen wird spürbar behindert, kommt aber mit Mehraufwand ans Ziel, zum Beispiel bei zu geringem Farbkontrast.
  • Kritisch bedeutet: Ein Bedienelement ist für bestimmte Nutzer:innen nicht oder nur sehr schwer zugänglich sein. Ein Button ohne zugänglichen Namen kann für Screenreader Nutzer:innen beispielsweise nicht verständlich sein, obwohl er visuell gut erkennbar ist.

Die Zahlen, die mich selbst überrascht haben

Start- und Kategorieseiten

Folgende Ergebnisse haben die Tests gezeigt:

  • 96,7 % der Shops haben mindestens eine Farbkontrast-Verletzung (WCAG 1.4.3). Sie ist damit mit Abstand die häufigste einzelne Fehlerart und macht mehr als 60 % aller in der Untersuchung gefundenen Fehler aus.
  • 76,4 % der Shops haben mindestens einen Link ohne erkennbaren Namen (WCAG 2.4.4 / 4.1.2). Für Screenreader Nutzer:innen kann sich das beispielsweise als unverständlicher Link oder als wiederholtes „Link“ ohne ausreichenden Kontext darstellen.
  • 38 % der Shops haben mobil mindestens eine Klickfläche unter der WCAG-Mindestgröße im Sinne von WCAG 2.2, Erfolgskriterium 2.5.8. Das kann die Bedienung für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik erschweren.
  • 20,8 % der Shops haben mindestens ein Produktbild ohne Alternativtext (WCAG 1.1.1). Das ist kritisch, weil ein Produktfoto für blinde Kund:innen schlicht nicht existiert, wenn es keinen Alt-Text hat.
  • 53,5 % der Shops haben mindestens eine kritische Barriere – beispielsweise bei einem Button, einem Formularfeld oder einem anderen interaktiven Element.

Eine spannende Randnotiz: In diesem Vergleich weist WooCommerce den niedrigsten Anteil an Shops mit kritischen Barrieren auf (Shopify: 68,1 %, Magento: 78,7 %). Das ist allerdings kein Grund zur Entspannung: Bei WooCommerce betrifft das Problem immer noch mehr als jeden zweiten Shop.

Produktseiten und Warenkörbe

Auf der Produktseite (n = 1.872 geprüfte Produktseiten), genau dort, wo die Kaufentscheidung fällt, sieht es nicht besser aus:

  • 95,1 % der Produktseiten haben Farbkontrastfehler
  • 63,7 % der Produktseiten zeigen fehlerhafte Linktexte
  • 17,1 % der Produktseiten verfügen über Produktbilder ohne Alt-Text

Checkout bzw. Kasse

Was mir zu denken gegeben hat: Von 2.284 WooCommerce-Shops ließ sich bei gerade einmal 25 überhaupt eine Checkout-Seite anonym erreichen. Bei den übrigen Shops war der Checkout vorher durch ein Konto, eine Session oder andere Zugangsvoraussetzungen nicht erreichbar.

Bei den verbliebenen 25 Shops lag die Farbkontrast-Fehlerquote bei 92 %. Die Stichprobe ist zu klein, um daraus eine verlässliche Prozentzahl für alle Shops abzuleiten. Sie zeigt aber, wie schwierig es sein kann, einen Checkout automatisiert zu testen, wenn dafür zunächst eine Sitzung oder ein Nutzerkonto erforderlich ist.

Warum WooCommerce anders abschneidet als Shopify oder Magento

Was uns bei der Auswertung aufhorchen ließ: WooCommerce Shops schneiden bei kritischen Barrieren spürbar besser ab als Magento (53,5 % vs. 78,7 %) und etwas besser als Shopify (68,1 %). Bei schwerwiegenden Problemen wie Farbkontrastverletzungen liegen die Werte dagegen deutlich näher beieinander.

Das ist eine Hypothese, keine bewiesene Kausalität. Ein möglicher Ansatz ist, dass WooCommerce häufig auf etablierten WordPress-Themes und -Komponenten aufbaut, die auf wiederverwendbaren HTML-Grundmustern für Formulare und Buttons basieren. Shopify- und insbesondere Magento-Shops entstehen dagegen häufiger in individuell entwickelten Setups, bei denen solche Grundmuster jeweils neu umgesetzt werden.

Sie passt allerdings zu einem zweiten Befund: Die mediane Zahl fehlerhafter Elemente pro Shop liegt bei WooCommerce mit 77 sogar höher als bei Magento mit 72. WooCommerce Shops sind also nicht grundsätzlich „sauberer“ gebaut. Sie weisen lediglich seltener genau die Fehlerarten auf, die in dieser Untersuchung als kritisch eingestuft wurden.

Die gute Nachricht: Du musst nicht alles auf einmal reparieren

Jetzt wird es für WordPress Profis konkret. Wir haben durchgerechnet, wie viele der 7.514 Shops über alle Plattformen hinweg keine schwerwiegende oder kritische Barriere mehr hätten, wenn nur die häufigsten Fehlerarten behoben würden.

Aktuell haben nur 1 % aller Shops keine schwerwiegende bzw. kritische Barriere. Behebst du …

  • … nur Farbkontraste, steigt der Anteil auf 5,4 %.
  • … nur Linktexte und Klickflächen-Größen, sind es 12,6 %.

Bei den kritischen Barrieren allein reicht es bereits, Alternativtexte, Formular-Labels und Button-Beschriftungen zu ergänzen, damit 63,8 % der Shops keine der in dieser Auswertung betrachteten kritischen Barrieren mehr aufweisen.

Drei bis fünf konkrete, technisch überschaubare Korrekturen können also einen überraschend großen Teil der Lücke schließen. Dafür sind nicht zwangsläufig ein Redesign oder eine neue Theme-Architektur nötig. Für eine Agentur, die einen WooCommerce Shop betreut, heißt das in der Praxis:

  • Kontrastprüfung einbauen: Tools wie das in Chrome DevTools eingebaute Kontrast-Verhältnis oder ein Plugin wie WP Accessibility helfen, das WooCommerce eigene Theme-Farbschema zu prüfen, bevor der Shop live geht. Besonders bei Sale Badges und Buttons lohnt sich der Blick, die werden gerne mit reinem Rot auf hellem Grund gestaltet.
  • Klickflächen nachmessen: 24 × 24 CSS-Pixel sind eine Mindestanforderung aus WCAG 2.2, nicht das ideale Ziel für jede Interaktion. Außerdem gibt es Ausnahmen, etwa wenn ausreichend Abstand zu anderen Targets vorhanden ist. Ein Warenkorb Icon, das kaum größer als der Mauszeiger ist, fällt auf dem Desktop kaum auf und kann auf dem Smartphone schwer zu bedienen sein.
  • Linktexte sprechend machen: „Mehr erfahren“ oder ein reines Icon ohne zugänglichen Namen können für axe-core und Screenreader zum Problem werden. Ein zugänglicher Name, der beispielsweise den Produktnamen enthält, macht die Funktion für Screenreader Nutzer:innen deutlich verständlicher.
  • Alt-Texte zur Pflicht im Redaktionsprozess machen: WooCommerce fragt beim Produkt Upload nicht in jedem Setup automatisch nach einem sinnvollen Alternativtext. Das sollte die Redaktion mit einer festen Checkliste vor jeder Veröffentlichung prüfen.
  • Formularfelder immer mit einem echten label-Element verknüpfen: Gerade bei individuell gestalteten Checkout-Feldern wie Firmenname, USt-ID oder Lieferhinweis wird das Label gerne nur visuell gesetzt, ohne es programmatisch mit dem Eingabefeld zu verbinden.

Der ausführliche WordPress Accessibility Guide von Raidboxes geht tiefer in die technische Umsetzung. Die Zahlen oben zeigen, warum sich genau diese Punkte zuerst lohnen.

WordPress barrierefrei machen: 15 Praxistipps & Schritt-für-Schritt-Anleitung (2026)

In diesem Blogbeitrag zeigen wir dir, mit welchen Änderungen du dein WordPress barrierefrei machen kannst.

Fazit: Die Zielgruppe ist größer, als du glaubst

Die Personengruppe, die von Barrierefreiheit profitiert, klingt auf den ersten Blick nach einer kleinen, spezialisierten Zielgruppe. Screenreader, Blindenschrift – nur ein Randthema? Die Zahlen erzählen etwas anderes:

  • 4 Millionen Menschen haben eine Farbsehschwäche
  • Mindestens 650.000 Menschen sind blind oder hochgradig sehbehindert.
  • 7,9 Millionen Menschen haben eine anerkannte Schwerbehinderung

Dazu kommen alle diejenigen, die mit zitternder Hand, mit einem gebrochenen Arm oder einfach am Handy in praller Sonne online shoppen möchten und bei denen kleine Bedienelemente die Nutzung erschweren können.

Die Zahlen zeigen: Barrierefreiheit ist keine Nische. Wie groß der Anteil der eigenen Kundschaft ist, lässt sich aus diesen Bevölkerungszahlen allerdings nicht direkt ableiten. Klar ist aber: Die meisten WooCommerce Shops verlieren potenzielle Nutzer:innen nicht an einer einzigen Stelle, sondern an mehreren Punkten – etwa bei Farbkontrasten, Linktexten, Alternativtexten und Bedienelementen.

Die Erkenntnis aus den Testergebnissen von 2.284 Shops soll keine Drohung sein, sondern eine Priorisierungshilfe: Du musst nicht jede WCAG-Regel auf einmal lösen, um einen spürbaren Unterschied zu machen. Einige klar benennbare, technisch überschaubare Korrekturen können bereits einen großen Teil der in dieser Untersuchung gefundenen Probleme reduzieren.

Methodik-Hinweis: Alle Zahlen stammen aus einer eigenen automatisierten Erhebung (axe-core 4.13, September 2026) von 7.514 bestätigten niederländischen Webshops, davon 2.284 auf WooCommerce identifiziert. Vollständige Methodik und Rohdaten: cluesia.com/de/research/dutch-webshop-accessibility-2026