Warum nichts über deine eigene Website geht

Jan Tissler
8 Min.
WordPress Hosting News
Zuletzt aktualisiert am 22/09/2020

Es gibt gute Gründe, dir den Stress einer eigenen Website zu sparen und lieber auf einen Drittanbieter-Dienst zu setzen. Statt eines Blogs mit WordPress kommt dann eine Seite wie Medium zum Einsatz, oder statt eines Shops mit WooCommerce ein Verkäuferkonto auf Amazon. Es hat allerdings entscheidende Nachteile und Risiken, wenn du dich auf solche Plattformen verlässt. Wie diese aussehen, das erkläre ich in diesem Beitrag.

Für mich geht nichts über die eigene Website. Zugleich verstehe ich sehr gut, warum Drittanbieter-Plattformen so verlockend sind. Wenn ich beispielsweise auf einer Seite wie Medium blogge, dann muss ich mich nicht um die technischen Belange kümmern. Nicht nur das: Der Dienst ist kostenlos nutzbar und in diesem Fall kann ich über deren Premium-Programm sogar noch etwas dazuverdienen.

Das ist allerdings nur so lange verlockend, wie ich dort nicht wiederholt an die Grenzen des Machbaren stoße. Denn wenn mich die technischen Belange nichts angehen, habe ich zugleich keinen direkten Einfluss darauf, was möglich ist. Und wenn eine Seite wie Medium von heute auf morgen meint, dass meine Inhalte doch nicht so interessant sind oder gar gegen ihre frisch geänderten Regeln verstoßen, dann bin ich dem ebenfalls hilflos ausgeliefert.

Eigene Website vs Facebook Page

Schauen wir uns die eigene Website im Vergleich zu den sozialen Netzwerken an. Heute würde wohl kaum noch jemand behaupten, dass du diese zugunsten einer Facebook Page aufgeben solltest. In der Vergangenheit war das durchaus auch anders. In der Euphorie über Facebooks enormes Wachstum ließ so mancher seine eigene Webpräsenz liegen und setzte voll und ganz auf das Social Network.

Ich sehe es gerade bei kleineren und lokalen Anbietern heute noch, dass sie sich auf Ihre Facebook-Seite verlassen. Die eigene Website existiert vielleicht trotzdem und bietet mehr oder weniger aktuelle Informationen. Aber wenn ich sichergehen will, ob die Angaben dort tatsächlich stimmen, schaue ich lieber noch einmal auf Facebook nach.

Facebook Interaktion
Die Interaktion in sozialen Netzwerken ist wichtig. Aber sie gehört dir nicht.

Warum ist die Facebook Seite in diesen Fällen so beliebt? Sie ist – bei wenig technischem Verständnis – für manche einfacher zu pflegen und aktuell zu halten als die eigene Website. Bei der muss das Unternehmen bisweilen erst den Dienstleister fragen, wenn ein Link korrigiert werden muss. Wer will da schon laufend Öffnungszeiten ändern oder die eigenen Angebote aktualisieren? Bei Facebook läuft das teilweise von allein, ist sehr einfach zu verstehen und kostet nichts extra (jedenfalls nicht direkt). Bezahlte Werbung via Facebook Ads kann ebenfalls zielführend sein.

So mancher stellt mit Blick auf seine Facebook-Statistiken allerdings irgendwann fest, dass jeder Post nur einen Bruchteil der eigenen Fans und Follower erreicht. Das ist ein Trend, der sich seit Jahren abzeichnet: Gewerbliche Inhalte haben es auf Facebook immer schwerer. Das ist auch kein Wunder, denn Menschen interagieren nun einmal lieber mit Menschen und nicht mit Marken.

Anleitungen: Content erfolgreich streuen

Es wird bei der Masse an Inhalten im Netz zunehmend schwieriger, deinen Content erfolgreich zu teilen. Doch es gibt nach wie vor zielführende Ansätze für das sogenannte Seeding. Siehe hierzu unsere Beiträge zu Content KPIs, zur Content Distribution oder zu LinkedIn Marketing.

Ja, dagegen kann man natürlich etwas machen. Es gibt sicher auch heute noch Facebook Pages mit einer ordentlichen Reichweite. Beispiele dazu gerne in den Kommentaren! Aber das ändert nichts daran, dass Facebook schon morgen die Regeln ändern kann und auch diese Seiten keine Reichweite mehr haben.

Und was macht man als BesitzerIn der Facebook Page eigentlich, wenn er oder sie künftig doch auf ein anderes Social Network setzen will? Die bisherigen Fans und Follower lassen sich dann nicht so einfach mitnehmen.

Newsletter vs Messenger

Ein anderes Beispiel: E-Mail. Dieses Medium erscheint sicher vielen als altmodisch. Und für so manche Zielgruppe ist es nicht die richtige Wahl. In vielen Fällen ist es aber weiterhin der perfekte Kanal, um interessierte Menschen zu erreichen.

Das „moderne“ Kommunikationsmittel Messenger hat dasselbe Problem, das Facebook und andere Social Networks haben: Die Regeln machen andere und mitnehmen kann ich meine Kontakte hier ebenfalls nicht. Die verschiedenen Messenger sind noch nicht einmal miteinander kompatibel. So kannst du von WhatsApp aus keine Nachricht an einen Twitter-Nutzer schicken. Nur Facebook will inzwischen seine verschiedenen Angebote miteinander verknüpfen. Ein einheitlicher Standard ist hier ganz offensichtlich von den Anbietern nicht gewollt. Stattdessen will sich jeder alleine gegen die anderen durchsetzen.

Per E-Mail kann ich hingegen jeden erreichen, ganz unabhängig davon, wo die E-Mail-Adresse gehostet ist. Das ist so selbstverständlich, dass es kaum einmal erwähnt wird. Wenn mir dann beispielsweise MailChimp als Dienstleister für meinen Newsletter nicht mehr gefällt, kann ich meine Abonnenten umziehen. Ich habe das vor einigen Jahren gemacht, als eine MailChimp-Automatik meinen Account eingefroren hat und der Support es nicht für nötig hielt, mir zu antworten. Inzwischen verschicke ich meine Newsletter stattdessen mit dem WordPress Plugin Mailster via Amazon SES. Damit bin ich aktuell sehr glücklich. 

Falls mir das irgendwann nicht mehr gut genug ist, sehe ich mich nach einer Alternative um. Tatsächlich schaue ich mehr oder weniger regelmäßig, welche anderen Optionen ich hätte. Ich habe hier alle Freiheiten und das weiß ich sehr zu schätzen.

WordPress vs Medium

Ganz ähnlich ist die Lage beim Thema Blog: Soll ich eine eigene WordPress-Installation betreiben oder lieber eine Seite wie Medium nutzen? Wie eingangs erwähnt: Eine solche ist nicht nur kostenlos, sondern kann mir sogar direkt Geld einbringen.

Zumindest ist das aktuell der Fall, denn Medium hat sein Geschäftsmodell und seine Randbedingungen im Laufe der Jahre etliche Male geändert. Mal wollte es eine Seite für schön gestaltete Texte sein, dann eine Plattform für Verleger, nun ein Angebot für bezahlte Inhalte … So manche(r) ist mit Sack und Pack zu Medium umgezogen und hat die eigene Seite aufgegeben, weil das Startup das Blaue vom Himmel versprochen hatte. Als sich das nicht so entwickelte wie erhofft, ließ Medium die noch gestern so wichtigen „Partner“ plötzlich fallen.

Blog Kommentar
Ausführliche Kommentare im Blog gehören “dir” – und sie sind SEO-Gold

Kein Wunder, dass so mancher seinem Frust sehr öffentlichkeitswirksam Luft macht. Mit WordPress kann ich hingegen sogar beides haben und mein Blog zunächst auf WordPress.com starten. Dann muss ich mich erst einmal um nichts kümmern. Will ich später mehr, ziehe ich die Seite auf eine eigene Installation um. Spezialisierte Hoster wie RAIDBOXES machen einem das inzwischen sehr leicht.

WooCommerce vs Amazon

Auch wer ins Thema E-Commerce einsteigen will, steht vor der Frage: Selbst etwas mit WordPress und WooCommerce aufbauen? Oder sich an Amazons Erfolg anhängen? Siehe für die erste Variante unser E-Book Onlineshops mit WooCommerce.

Der Einstieg bei Amazon ist schließlich schnell geschafft. Aber der Teufel steckt wie so häufig im Detail. Denn bald wirst du feststellen: Es gibt zwar viel potenzielles Publikum, dafür aber eben auch sehr viel Konkurrenz. Mehr als 240.000 Verkäufer sind es allein in Deutschland. Und die drängeln sich alle darum, von Amazon als erste Wahl in der „Buy Box“ gelistet zu werden. Denn vor allem dann klingelt es in der Kasse. Knapp 30 Prozent der „Top Seller“ auf Amazon.de kommen übrigens nicht etwa aus Deutschland, sondern aus China.

Zugleich solltest du dich hier nie zu sicher fühlen, wenn es gut läuft. Account-Sperrungen passieren immer wieder. Da hilft es auch nicht, der zweitgrößte Händler auf dem deutschen Marktplatz zu sein, wie Rebuy Anfang des Jahres erlebt hat. Oder die Preise für wichtige Leistungen erhöhen sich plötzlich.

Zudem kann es dir immer passieren, dass Amazon selbst zum Konkurrenten wird. Schließlich hat der Händler fast 150 Eigenmarken im Angebot – mal mehr, mal weniger offensichtlich. Nach eigenen Aussagen machen diese Produkte zwar nur ein Prozent des eigenen Umsatzes aus. Aber im Vergleich zu kleinen Händlern ist das natürlich eine Menge und die Zahlen steigen schnell. Es ist an sich auch nicht erstaunlich, dass Amazon so erfolgreich auf dem eigenen Marktplatz ist: Das Unternehmen weiß schließlich sehr genau, was gesucht wird und was sich verkauft.

assistent
WooCommerce ist recht einfach zu installieren

Zwar hat Amazon öffentlich abgestritten, in die Daten seiner Händler zu schauen, um dann eigene Produkte anzubieten. Offiziell ist das intern wohl auch verboten. Wie sich herausstellt, war es allerdings trotzdem üblich.

Warum nicht beides?

Um einem typischen Einspruch zuvorzukommen: Ja, natürlich geht beides zugleich. Du kannst sowohl auf deiner eigenen WordPress-Seite ein Blog starten als auch auf Medium schreiben. Du kannst deinen eigenen WooCommerce-Shop haben und zugleich auf Amazon präsent sein. Und natürlich ist es eine gute Idee, in den passenden und relevanten Social Networks aktiv zu sein. Alles das kann sich wunderbar ergänzen – wenn du die Ressourcen hierfür hast.

Mit diesem Beitrag möchte ich vor allem dafür plädieren, dass deine eigene Website immer vorhanden und gut gepflegt sein sollte. Sie sollte Priorität genießen, selbst wenn sie nicht von Haus aus die (potenzielle) Reichweite von Angeboten wie Facebook, Medium oder Amazon hat. Siehe dazu auch meinen Artikel zum Thema Content Hub. Darin findest du weitere Anregungen, wie du deine eigene Website zum zentralen Dreh- und Angelpunkt machst.

Warum lohnt sich der Aufwand? Sieh es einmal so: Es ist der Unterschied zwischen einer Mietwohnung und dem eigenen Haus. Natürlich hast du mehr Arbeit und mehr Verantwortung, wenn du dein Zuhause selbst besitzt. Aber dafür kannst du dich hier nach Lust und Laune einrichten und langfristig planen.

Zudem gibt es auf Plattformen wie den oben genannten keinen Mieterschutz: Facebook, Amazon & Co. können dich jederzeit, mit sofortiger Wirkung und ohne Angabe von Gründen von der Plattform entfernen. Bisweilen ist es sogar eine Automatik, die deinen Account blockiert – so wie es für mich bei MailChimp war. Nur in Ausnahmefällen wirst du dich dagegen zur Wehr setzen können, mit entsprechendem Aufwand.

Da du für so große Unternehmen ein irrelevanter Fall bist, kannst du meistens nur weiterziehen und dein Projekt andernorts von vorn angehen. Oder hast du schon einmal versucht, bei Amazon, Facebook oder Google einen menschlichen Support-Mitarbeiter ans Telefon zu bekommen? Als kleiner Anbieter hast du da praktisch keine Chance.

Wozu Drittanbieter-Plattformen ideal sind

Bei alldem will ich nicht verheimlichen: Es gibt Momente, in denen sich solche externen Plattformen wunderbar eignen. Ich habe schon die eingebaute Reichweite erwähnt, die ein kleines Unternehmen meist nicht mitbringt. Die solltest du allerdings nutzen, um langfristig deine eigenen Beziehungen zu Fans, Interessenten und Kunden aufzubauen – zum Beispiel via E-Mail.

Außerdem eignen sich die genannten Plattformen sehr gut für Experimente. Siehe meinen Beitrag Content-Ideen vorab testen. Du kannst hier erste Erfahrungen sammeln und auch von der Konkurrenz lernen. Du gehst damit zunächst kein Risiko ein und dein Aufwand bleibt gering. Das passt zum „Lean Startup“-Gedanken: So früh wie möglich herausfinden, wie gut die eigene Idee funktioniert und was du verbessern musst.

Drittanbieter-Plattformen können zudem Funktionen bieten, die sich nicht so einfach mit anderen Mitteln nachahmen lassen. So hast du im Social Web immer eine gute Chance, mit deinen Fans und Followern ins Gespräch zu kommen. Das gelingt hier besser als auf der eigenen Website. Das ist eine Chance, die du nutzen solltest.

Oder sie bieten Funktionen, die du nur mit Mühe umsetzen könntest. Denke zum Beispiel an eine Plattform wie Udemy für Onlinekurse: Um herauszufinden, ob du Inhalte in diesem Format anbieten möchtest, willst du nicht erst eine komplette Lernplattform aufsetzen. Das geht zwar alles mit WordPress. Ich nutze hier Sensei LMS und es gibt etliche Alternativen. Aber umgesetzt habe ich das erst, nachdem ich Erfahrungen auf Udemy gesammelt habe.

Mein Fazit

Deine Präsenz auf Facebook, Medium, YouTube & Co ist nur geborgt. Sie gehört dir nicht. Du kannst hier viel Reichweite erzielen und eine Zeit lang sehr erfolgreich sein. Aber schon morgen kann es damit vorbei sein.

Umso besser ist es, wenn du dir dann parallel deine eigenen Plattformen und Kanäle geschaffen hast, etwa deine Website, einen Blog, einen Podcast und deinen E-Mail-Verteiler. All diese Kanäle kann dir so schnell keiner wegnehmen.

Eigene Website: Welche Fragen an Jan hast du?

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Jan ist Online-Journalist und Digital-Publishing-Spezialist mit über 20 Jahren Berufserfahrung. Unternehmen buchen ihn als Autor, Berater oder Redaktionsleiter. Ganz nebenbei ist er der Gründer und einer der Herausgeber des UPLOAD Magazins. Fotograf Autorenbild: Patrick Lux.

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